Sieben Heere von Tobias O. Meißner

siebenheere Tobias O. Meißner
Sieben Heere
Verlag: Piper
416 Seiten
Taschenbuch
ISBN-10: 3492703127
ISBN-13: 978-3492703123
16,99 €

Das Cover des Buches verspricht eine düstere Geschichte. Nicht nur die Farbwahl, auch die dargestellte Szenerie ist dunkel: Über eine neblige Wiese, die mit den darin steckenden Schwertern stark an einen Friedhof erinnert, wandert eine einsame und dunkle Gestalt, die dem Leser direkt in die Augen blickt. Eine Gestalt, der man nicht unbedingt begegnen möchte – und eine Szenerie, die dem Betrachter durchaus eine Gänsehaut bescheren kann.

Auf einen Schlag besetzten die Heere von Nafarroa das friedliche Ländchen Akitania. Ein Krieg ohne Verluste und Landgewinn für Nafarroas durch schiere Einschüchterung und Übermacht. Auch das Dorf Hagetmau wird von dreißig Soldaten besetzt. Die Übernahme verläuft weitgehend friedlich. Bis ein trunkender Hitzkopf zwei der Soldaten erschlägt und die Dorfbewohner Stellung beziehen müssen – in einem Krieg, der längst begonnen hat.

Das Cover verspricht eine düstere Geschichte, tatsächlich ist “Sieben Heere” recht farbig, blutrot um genau zu sein. Der doch recht friedfertige Anfang (sofern man bei einer Besetzung durch ein feindliches Heer von friedfertig sprechen kann) schlägt mit dem Soldatenmord im Wirtshaus schnell zu einem blutigen Gemetzel um. Die Hauptakteure der Geschichte nehmen sich nun Soldat für Soldat vor und Tobias O. Meißner spart nicht an Details – sei es bei den eigentlichen Taten oder bei der Beseitigung der blutigen Überreste. Beschreibungen, die einem zartbesaiteten Leser durchaus den Magen umdrehen könnten.
Sollte die Intention des Autors gewesen sein, Kritik an Krieg jeglicher Art zu üben, ist es ihm vollauf gelungen. Auch wenn Hagetmau Weiten von unserer Welt entfernt ist, sind Gedanken und Taten der Dorfbewohner gar nicht so abwegig, die Situation und ihre Eskalation durchaus denkbar. Tatsächlich sind alle Figuren ziemlich realistisch und glaubwürdig dargestellt. Nichtsdestotrotz habe ich als Leser eine andere Erwartungshaltung, wenn ich mit einem Buch in eine fantastische Welt eintauche. Ich wünsche mir Helden und Abenteuer, keine real wirkenden, aber unsympathischen Figuren innerhalb eines blutigen Gemetzels.

Denn auch wenn die Handlungen der Soldaten und ihres Anführers ebenso nachvollziehbar sind wie die der Dorfbewohner, macht es sie doch keineswegs sympathisch. Während die Truppe Soldaten das Dorf besetzt, weil es nun mal ihr Auftrag ist, macht sich ihr Anführer Gedanken, wie er dies möglichst ohne Zwischenfälle und größeren Ärger (auf beiden Seiten) umsetzten kann. Ein löblicher Gedanke – er entspringt allerdings keinesfalls Menschenfreundlichkeit, sondern dem Gedanken, sich mit seinen effizienten und ressourcensparenden Methoden zu profilieren und schnell wieder ins Heimatland zurückkehren zu können.

Auch das Dorf, das laut Klappentext “als einzelne vom Feind besetzte Siedlung […] aus seiner Ohnmacht [erwacht]”, ist letztendlich nur ein Dorf, das den Tod von achtundzwanzig Menschen in Kauf nimmt, um der Konsequenz für den Tod zweier Soldaten zu entgehen – durchaus menschlich, aber alles andere als sympathisch. Wen wundert es da, dass sich nur wenige dieser Dorfbewohner mit den Taten die Hände schmutzig bzw. blutig machen.

Sympathien gibt es damit für den Leser nur wenige zu verteilen. Ich mag tatsächlich nur eine einzige Person. Die junge Nendleece, die zu Beginn der Geschichte die Soldaten bereits vor ihrem “Einfall” ins Dorf entdeckt und deren Warnungen quasi ungehört verhallen. Sie verhält sich vielleicht nicht gerade altersgerecht, aber sympathisch. Letztendlich bleibt durch sie zumindest ein kleiner Teil der Geschichte vom blutigen Krieg verschont.

Für mich untermauert “Sieben Heere” sehr gelungen die Argumente von Kriegsgegnern – wer wollte schon in der Situation der Dorfbewohner oder der Soldaten stecken? Es gibt allerdings weder wirklich sympathische Figuren noch ein hehres Ziel oder gar ein “gutes” Ende. Dem ein oder anderen mag das gefallen – Tobias O. Meißner bringt damit definitiv Abwechslung in die übliche Fantasyliteratur – mein Fall ist es aber (nicht nur wegen der blutigen Szenen) definitiv nicht.

Falls ihr dennoch mit der Geschichte liebäugeln solltet, findet ihr hier eine Leseprobe zum Buch.

Published in: on Dezember 2, 2015 at 7:00 nachmittags  Hinterlasse einen Kommentar  
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[Aufgestöbert] Wilde Wege von Tanya Huff

Da ist man mal detektivisch im magischen Chicago unterwegs – und was findet man? Die Fortsetzung eines Romans, auf die ich nicht zu hoffen gewagt habe: Wider Erwarten führt Tanya Huff die Geschichte aus “Der Hexenladen” fort (und das Buch gibt es tatsächlich schon seit 2014!)

wildewege Tanya Huff
Wilde Wege
Verlag: Feder und Schwert
384 Seiten
Taschenbuch
ISBN-10: 3867622086
ISBN-13: 978-3867622080
13,99 €

Bei mir ist es spontan an die Spitze des Weihnachtswunschzettels gewandert – vielleicht geht es dem ein oder anderen ja genauso?

Published in: on November 28, 2015 at 6:00 nachmittags  Comments (1)  
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[Nachgefragt] Greatcoats – Wie geht es weiter?

Nachdem ich entdeckt habe, dass Sebastien de Castell die Reihe um die Greatcoats nicht mit “Sturmbogen” (im Original “Knight’s Shadow”, part 2) enden lässt sondern fortführt, habe ich beim Piper Verlag angefragt, ob sie den Folgeband auch veröffentlicht werden. Und die Antwort aus dem Lektorat?

“Der nächste “Greatcoats” kommt zumindest eines: bestimmt. Entweder im Herbst 16 oder im Frühjahr 17 – genau kann ich es aber noch nicht sagen, wir sind gerade in der Planung und es hängt viel von der pünktlichen Manuskriptabgabe des Originals ab.”

Und damit kann man als Leser schon mal die Weihnachtswunschliste für das nächste Jahr pflegen (und hoffen, dass das Manuskript püntklicht abgegeben wird ;-) ).

Published in: on November 3, 2015 at 12:30 nachmittags  Hinterlasse einen Kommentar  
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[Aufgestöbert] Windfire von Lynn Raven

Kaum beschäftigt man sich ein bisschen mit dem Netz und den geliebten Büchern wird man fündig:

windfire Lynn Raven
Windfire
Verlag: cbt
464 Seiten
Taschenbuch
ISBN-10: 3570161021
ISBN-13: 978-3570161029
14,99 €

Mir haben zwar Lynn Ravens Romane in fantastischen Welten wie “Der Spiegel von Feuer und Eis” und “Der Kuss des Kjer” deutlich besser gefallen als ihre Romane, die in der “realen” Welt spielen, aber die eben so gut, dass ich mich (irgendwann) auch an ihrem neuen Roman versuchen werde.

Published in: on Oktober 28, 2015 at 12:30 nachmittags  Hinterlasse einen Kommentar  
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Sturmbogen von Sebastien de Castell

sturmbogen Sebastien de Castell
Sturmbogen
Verlag: Piper
368 Seiten
Taschenbuch
ISBN-10: 3492703232
ISBN-13: 978-3492703239
16,99 €

“Sturmbogen” ist der dritte Band von Sebastien de Castells Reihe um die Greatcoats.

Schon die Gestaltung des Bandes schließt gekonnt an die beiden Vorgänger an – auch wenn ich gestehen muss, erst mit diesem Band die Figuren auf dem Cover richtig einordnen zu können. Tatsächlich ist jeweils einer der drei Helden der Geschichte, Falcio, Kest und Brasti darauf abgebildet. Der dritte Band zeigt den Bogenschützen Brasti, der wie seine beiden Gefährten auf den vorangegangenen Bänden mit wehendem Mantel dargestellt ist. Und wie auf den vorangegangenen Covern zeigt der Mantel eine der düsteren und kriegerischen Szenen aus dem Buch.

Mit dem Tod des Königs begann sich die Ordnung des Reiches aufzulösen und wie die Greatcoats in alle Winde zu zerstreuen. Anschließend geht es auch den ersten Herzögen an den Kragen, werden einzelne Dörfer von sich ehrhaft nennenden Rittern dem Erdboden gleich gemacht. Schwer angeschlagen sind Falcio und seine Gefährten diesen Rittern auf der Spur – aber es ist nicht allein die Suche nach Gerechtigkeit, die sie bei ihrer Jagd antreibt.

Nach einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse hatte ich in “Sturmbogen” einen Start ebenso düster wie das Ende von “Hochverrat” erwartet. Tatsächlich beginnt Sebastien de Castell “Sturmbogen” jedoch mit einem zynischen Prolog über das tristianisches Buch “Über die Tugenden der Ritter”.

Nachdem der Leser so an die “Ehrhaftigkeit” der tristianischen Ritter erinnert wurde, beginnt die Geschichte dort, wo sie in “Hochverrat” geendet hat. Tatsächlich schafft es Sebastien de Castell die Helden (und den Leser) ab hier noch viel tiefer in den Abgrund zu reißen, als ich es je für möglich gehalten hätte.

Und während der Autor die Helden von einem Tiefpunkt zum nächsten führt, weichen die Fronten und Ziele immer mehr auf. Die bis dahin stets beieinander stehenden Gefährten gehen auseinander. Die herzoglichen Königsmörder sind nun die einzigen, die das Reich noch zusammen halten können. Und diese werden von geheimnisvollen Assassinen Herzog für Herzog samt Familie langsam ausgelöscht.

Und damit sind Falcio und seine Gefährten – die einzigen, die offenbar das Land vor einem Bürgerkrieg bewahren wollen – an der Grenze ihres Möglichen. Dem Tode nahe, dem Blutdurst verfallen und von Zweifeln zerfressen haben sie nicht nur mit ihren eigenen Problemen und denen des Landes zu kämpfen, sondern auch mit Verrat, der an jeder noch so ungeahnten Ecke lauern. Ein Kampf, der noch aussichtloser scheint als jeder, den sie bisher gekämpft haben. Und während sie zu Beginn ihre Kämpfe noch mit dem Mut der Gerechten zu schlagen pflegten, müssen sie nun für ihr Ziel jene schützen, gegen die sie einst kämpften.

Mit jeder Seite mehr erkennt man nun an Falcios Seite die Weitsicht (aber auch Härte) des alten Königs – und kann diese nur bewundern. So manch einer seiner Aufträge – und selbst sein Tod – ergibt nun einen Sinn. Und der ein oder andere dieser zu Beginn noch unbekannten Aufträge ist es, der der Geschichte immer wieder eine ungeahnte Wendung zu verleiht.

Mit dem Ende des Buches hat Sebastien de Castell die losen Fäden zu einer wirklich rundum gelungenen Geschichte geknüpft; Andeutungen, Rückblicke und Gedanken aufgelöst und Falcios Quest zu einem Ende geführt. Mich hat der Autor damit schon an ein sehr gelungenes und abgeschlossenes Ende der Reihe glauben lassen. Nach einer kurzen Internetrecherche wurde ich allerdings eines besseren belehrt: Der Nachfolger, der im Original mit dem Titel “Saint’s Blood” erscheint, ist bereits für April 2016 angekündigt – ich hoffe, die Übersetzung lässt auch nicht viel länger auf sich warten, ich bin nämlich wirklich gespannt, wie er die Geschichte weiterspinnen wird.

Hier könnt ihr selbst einen Blick ins Buch werfen (den Prolog kann man auch ohne Vorkenntnisse der Reihe genießen).

Published in: on Oktober 21, 2015 at 12:30 nachmittags  Hinterlasse einen Kommentar  
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Zum Umgang mit Trollen

Vor einiger Zeit las ich bei Marny von Fantastische Bücherwelt, dass sie von Trollen heimgesucht wurde. Seitdem geistern die größtenteils miesen Trolle in meinen Gedanken umher, sodass ich kurzerhand beschlossen habe, etwas zu unternehmen.

Herausgekommen ist ein Flussdiagramm zum Umgang mit Trollen. Es sollte nicht allzu ernst genommen werden, aber vielleicht kann es den anderen Trollgeplagten ja etwas aufmuntern:

ZumUmgangMitTrollen

Falls anderswo noch Trolle gesichtet werden, einfach kurz Bescheid geben; das Diagramm lässt sich beliebig erweitern ;-) .

Published in: on Oktober 16, 2015 at 8:15 nachmittags  Comments (1)  
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Lesenachwuchs und fantastische Buchtipps für die Kleinen

Vielleicht hat sich der ein oder andere gewundert, dass es zur Zeit so still auf meinem Blog ist?

Nun ich beschäftige mich zur Zeit hauptsächlich mit solchen Büchern:

Kinderbuecher

Der Renner ist im Moment noch das “Mein erstes Knisterbuch”, aber hin- und wieder lässt sich der Kleine auch ein paar Minuten aus den anderen Büchern vorlesen.

Und früher oder später geht es dann an die ersten fantastischen Kinderbücher aus meinem Bücherregal wie “Die große Wörterfabrik“, “Lindbergh“, “Der Wasserspeier Fledermeier” oder auch “Der allerletzte Drache“. Im Moment ist die Auswahl bei uns noch ein wenig eingeschränkt, aber vielleicht habt ihr ja noch den ein oder anderen fantastischen Kinderbuchtipp für uns? Ich vermute mal, dass sich da noch einige Bücher finden lassen und langfristig kommt so sicher eine Kinderbuchecke für fantastische Bücher zusammen.

Im Moment ist das aber noch Zunkunftsmusik. Gebloggt wird weiterhin, im Moment allerdings auf Sparflamme – es muss aber niemand Angst haben, nichts mehr von mir zu hören ;-).

Published in: on Oktober 10, 2015 at 11:04 vormittags  Comments (4)  
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[Rumpelkammer] Shannara wird verfilmt

Ich muss zugeben, die Reihe noch nicht gelesen zu haben (ich bin gerade mit der Vorgeschichte beschäftigt), habe es aber definitiv noch vor. Als ich erfahren habe, dass die Reihe von MTV verfilmt werden soll – und mir dann den Trailer angeschaut habe – ist die Lust auf die Bücher noch um einges gewachsen.

Was haltet ihr von einer Verfilmung? Und den Büchern?

Published in: on Juli 13, 2015 at 2:00 nachmittags  Hinterlasse einen Kommentar  
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Der geheime Name von Daniela Winterfeld

dergeheimename Daniela Winterfeld
Der geheime Name
Verlag: Knaur
528 Seiten
Taschenbuch
ISBN-10: 3426511274
ISBN-13: 978-3426511275
12,99 €

Das Cover des Buches zeigt die Spiegelung eines goldenen Blattes vor tiefschwarzem Hintergrund. Ein einfaches Cover, dass es doch irgendwie schafft, den Blick des Betrachters auf sich zu lenken und zumindest mich zum Buch hat greifen lassen. Tatsächlich ist es nicht nur hübsch anzusehen sondern passt sogar zur Geschichte – wenn auch nicht direkt auf den ersten Blick.

Seit sie denken kann ist Fina mit ihrer Mutter auf der Flucht. Angeblich fliehen sie vor Finas gewalttätigen Vater. Spätestens als Fina ihre Mutter vor dem nächsten plötzlichen Umzug mit ihrem Vater erwischt ist ihr klar, dass hier etwas faul ist. Spontan beschließt sie der stetigen Flucht und den Lügen ihrer Eltern zu entfliehen – zu ihrer Großmutter in die Lüneburger Heide. Unwissentlich begibt sie sich damit genau an den Ort, an dem die wahre Geschichte begann.

Wer kennt sie nicht die Geschichte vom Rumpelstilzchen und der Müllerstochter, die er lehrte Stroh zu Gold zu spinnen? Laut Daniela Winterfeld war er nicht der einzige seiner Art. Und wie bei Rumpelstilzchen und der Müllerstocher wird auch das Wesen in dieser Geschichte um seinen Lohn betrogen. Neben dem geheimen Namen des Wesens sind das die einzigen Gemeinsamkeiten, die “Der geheime Name” mit dem altbekannten Märchen “Rumpelstilzchen” hat.

Die Protagonisten ist nicht etwa die Müllerstochter, sondern deren Kind. Und der geheime Name des Wesens lautet auch nicht Rumpelstilzchen – das hätter Finas Mutter einiges an Ärger erspart. So ist sie nun seit nunmehr neunzehn Jahren mit ihrer Tochter auf der Flucht, während der Geheime seine Pläne schmiedet. Plänen, denen Fina in die Hand spielt, als sie Hals über Kopf zu ihrer Großmutter an den Rand des Moores zieht, in der ihre Mutter einst den Pakt mit dem Geheimen schloss.

Sein Gehilfe ist der Junge, den Finas Mutter an Finas Stelle ins Moor brachte: Mora. Ohne jemand anderen als den Geheimen zu kennen dient und leidet er schon seit Jahren unter dem Wesen. Nun soll er ihm bei der Erfüllung seiner Pläne helfen. Die Begegnung zwischen Mora und Fina ist dabei nur der erste Schritt.

Anders als der Leser rechnet der Geheime nicht mit den Gefühlen, die sich auf den folgenden Seiten langsam zwischen Mora und Fina entwickeln. Eine gegenseitige Faszination, der sich auch der Leser nicht entziehen kann. Und genau diese Beziehung ist es, die die Geschichte (und das Märchen) zum Leben erweckt. Anders als im Originalmärchen ist das Wesen, das auf die Erfüllung des Paktes drängt nicht besiegt. Grausam drängt es auf die Erfüllung des Pakts – ein Drängen das man zu einem gewissen Grad auch nachvollziehen kann. Die Vorgehensweise des Wesens lassen jedoch schnell eventuelle Sympathien des Lesers verschwinden. Nichtsdestotrotz ist “Der geheime Name” längst nicht so Schwarz-Weiß wie das eigentliche Märchen.

Finas Mutter hatte (wie auch im Originalmärchen die Müllerstochter) einen guten Grund für den Bruch des Paktes – auch wenn sie die getroffene Entscheidung noch jahrelang verfolgt. Aber auch der Geheime hat den Pakt nicht aus Böswilligkeit geschlossen, auch wenn er Finas Familie und auch Mora bösartig schikaniert. Jede der Figuren hat seine eigenen Facetten – und auch wenn man sie nicht alle mögen kann (und sollte) kann man ihr Verhalten durchgängig nachvollziehen.

Die Szenerie der Geschichte könnte – sobald man im Moor angelangt ist – einem alten Grimms Märchen entsprungen sein. Düster und schaurig sind Finas erste Begegnungen mit dem Moor und auch dem Leser läuft beim Lesen schnell ein Schauer über den Rücken. Ich hätte nach dem Lesen der Geschichte jedenfalls nicht gewagt bei Dunkelheit in ein solches zu wandern.

Das Ende ist (wie es sich für ein Märchen gehört) ein Gutes – zumindest für die menschlichen Protagonisten. Vielleicht ist es sogar eines der Enden, die mit “und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage” endet – ganz so weit geht die Autorin hier nicht, als Leser kann man es sich aber sehr gut vorstellen. Mit allen Mitteln, die in der modernen Welt und in dem alten Märchen gegeben sind, sind die Weichen dafür jedenfalls gut gestellt.

Mir hat die stimmungsvolle Neuadaption des alten Märchens wirklich gut gefallen. Wenn ihr auch einen Blick hineinwerfen wollt findet ihr hier eine kleine Leseprobe.

Published in: on Juni 25, 2015 at 12:30 nachmittags  Comments (1)  
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[Blick über den Tellerrand] Der Geschmack von Wasser von Emmi Itäranta

“Der Geschmack von Wasser” ist kein Fantasy, sondern eine klassische Dystopie, die komplett ohne magische Elemente auskommt. Allerdings eine ungewöhnliche Dystopie. die mehr als nur einen kurzen Blick wert ist. Und damit gibt es heute mal wieder eine Rezension unter der Kategorie “Blick über den Tellerrand” – nicht, dass wir komplett im fantastischen Genre hängen bleiben ;-).

dergeschmackvonwasser Emmi Itäranta
Der Geschmack von Wasser
Verlag: dtv
340 Seiten
Hardcover
ISBN-10: 3423650095
ISBN-13: 978-3423650090
14,95 €

Das Cover des Buches zeigt eine hölzerne Wand (oder Tür), die mit einem blauen Kreis bemalt wurde. Eine Darstellung, die sich auf eine ungewöhnliche Art von den typischen Coverdarstellungen abhebt – und eine Darstellung mit eindeutigem Bezug zum Buch. Was dieses Symbol bedeutet, wird dem Leser im Verlauf der Geschichte deutlich. Ich finde die Wahl des Covers damit ziemlich gelungen, auch wenn ich nicht weiß, ob ich ohne Empfehlung aufgrund des Covers oder des Titels zu dem Buch gegriffen hätte.

Im Gegensatz zu den meisten Bewohnern ihres Dorfes leidet Noria nicht unter dem Mangel an Wasser. Eine geheime Quelle versorgt sie und ihre Familie mit Wasser – und macht den Tee ihres Vaters zu etwas Besonderem. Als geachteter traditioneller Teemeister geriet Norias Vater nie ins Visier des Militärs. Bis ein neuer Kommandeur das Kommando über das Dorf übernimmt, die Traditionen der Teemeister mit Füßen tritt und Norias Familie genau beobachtet. Und das zu Zeiten, wo das ganze Dorf inklusive Norias beste Freundin Sanja immer mehr unter der aktuellen Wassernot zu leiden beginnt und schlechtes Wasser immer mehr Menschen an den Rande des Todes bringt.

Es ist eine harte Welt, in der Noria lebt – auch wenn sie als Tochter des örtlichen Teemeisters nur wenig darunter leidet. Tatsächlich macht sie sich vermutlich nicht mal Gedanken über den Mangel an Wasser – auch wenn sie ihrer Freundin über Aufträge immer wieder welches zukommen lässt. Ihr Vater bildet sie in die Kunst der Teemeister aus: Das Ausführen von Teezeremonien und die Gedanken, die hinter diesen Zeremonien stecken. Traditionen und Zeremonien, die an das Japanische erinnern. Noria und ihren Vater lassen sie bei den Gedanken und Taten um die Zeremonien weise und ausgeglichen wirken. Der Bruch mit den Regeln der Zeremonien durch den neuen Kommandeur Taro zerstört die Ruhe und Gelassenheit – und das ist erst der Beginn seiner Mission.

Im weiteren Verlauf des Buches beginnt auch die vorher eher sorglose Noria sich Gedanken und Sorgen zu machen: Vor allem um ihre Eltern, aber auch um ihre Freundin Sanja und später sogar um die anderen Bewohner des Dorfes. Während die Traditionen, die ihr bisheriges Leben bestimmt haben, zu zerbrechen beginnen, muss sich Noria entscheiden: Zwischen Tradition und Mitgefühl, Angst und Hoffnung. Hoffnung, die durch Sanjas und Norias Deponiefunde über eine verbotene Mission genährt wird.

In Emmi Itärantas Geschichte gibt es keine Schlachten und Kämpfe mit den herrschenden Mächten. Der Widerstand ist klein und heimlich: Das Wahren alter Traditionen, die Suche nach verbotenem Wissen und das Hüten einer uralten Quelle. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Noria, ihre Gedanken und Entscheidungen und deren Folgen. Damit ist “Der Geschmack von Wasser” ziemlich philosophisch. Die um Noria schwebende Bedrohung durch das Militär ist stets präsent und hält die Geschichte trotz der Ruhe, die sie ausstrahlt spannend, auch wenn Gewalt und Gleichgültigkeit ziemlich einseitig vorherrschen.

Emmi Itärants Buch ist weder actionlastig noch romantisch. Sie lässt den Leser eher wie in einer Teezeremonie innehalten und nachdenken – vielleicht auch über den eigenen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde. Das Ende der Geschichte ist – wie ein Großteil des Buches – ziemlich melancholisch, wenn auch nicht ohne Hoffnung. Sehr passend für eine Dystopie, auch wenn die Geschichte selbst eher ungewöhnlich ist.

Insgesamt ist “Der Geschmack von Wasser” vermutlich nicht jedermanns Geschmack, keine Mainstream-Dystopie, die Bestseller-Listen anführt, aber ein Buch, das nachhallt.
Es ist keine pure Unterhaltung – wer diese möchte, sollte ein anderes Buch wählen – sondern eine Geschichte zum Nachdenken, eine ziemlich gute sogar.

Wenn ihr es mal mit ihr versuchen wollt findet ihr hier eine Leseprobe.

Published in: on Juni 15, 2015 at 12:30 nachmittags  Comments (1)  
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