Schiffsdiebe von Paolo Bacigalupi

Paolo Bacigalupi
Schiffsdiebe
Verlag: Heyne fliegt
352 Seiten
ISBN-10: 3453529197
ISBN-13: 978-3453529199
14,99 €

Der Großteil des Covers wird vom Bug eines alten, verrosteten Tankers eingenommen, der schon einige Macken und Löcher hat. Hinter dem Tanker kann man nur noch einen Teil des Himmels und ein paar Vögel – vermutlich Möwen – erkennen. Ein Cover mit eindeutigem Bezug zum Buch, das es durchaus versteht, Interesse zu wecken – zumindest meins.

Der junge Nailer lebt ausschließlich von den alten Tankern, die in regelmäßigen Abständen an die Küste gespült werden. In einer „leichten Kolonne“ ist er mit dafür zuständig, leichtes verwertbares Material zu suchen und zu bergen. Eine gefährliche Arbeit, die gerade so für sein Überleben reicht – nicht mehr.

Als er mit seiner Kameradin Pima einen gestrandeten Klipper findet, scheinen mit einem Schlag alle Sorgen vergessen und unermesslicher Reichtum in greifbarer Nähe zu sein – bis sie an Bord ein lebendes Mädchen finden, die rechtmäßige Besitzerin des Schiffes. Nailer überredet Pima dazu, dem Mädchen zu helfen. Eine Tat, die mehr als nur den Verlust des auf dem Schiff befindlichen Reichtums bedeutet.

Schiffsdiebe ist ein Buch über Familie und Freundschaft, über Ehrlichkeit und Treue – zu anderen und zu einem selbst.

Die Hauptperson, Nailer, lebt mit einem gewalttätigen, unberechenbaren Vater zusammen. Und trotz der täglichen Schläge rettet er seinen Vater, als erneut ein Tornado die Küste heimsucht. Nailer ist anders als sein Vater, er hält seinen Freunden die Treue. Freunden wie Pima und ihre Mutter, die ihm immer ein sichern Platz bieten und jederzeit für ihn bürgen. Aber er ist auch ein Junge, der in Armut aufwächst und nun mit dem Fund des Segelschiffes vor eine Entscheidung gestellt wird: Reichtum oder Menschlichkeit.

Die Welt, in der Nailers Geschichte spielt, ist anders als unsere, aber doch sehr vertraut: Die Armen schuften, damit einige wenige auf der Welt noch ein luxuriöses Leben führen können. Die Welt ist aber nicht die unsere (und ich hoffe sie wird es nie sein). Die Arbeit, der die Menschen um Nailer – und auch er selbst – nachgehen ist völlig anders als die heutige, die Welt hat sich drastisch verändert: Metalle und Rohstoffe werden aus alten, an die Küste gespülten Tankern gewonnen. Für diese Arbeit gibt es einen Hungerlohn, mit dem Verschiffen der Güter lassen sich jedoch Millionen machen – ebenso wie mit den Verkauf von Halbmenschen, genetisch veränderte, unglaublich starke und ihrem Herrn bis in den Tod ergebene Wesen.

In diese Welt wird man von Paolo Bacigalupi schon mit der ersten Seite des Buches hineingezogen. Es gibt keine langen Erklärungen, das Buch beginnt mit einem normalen Arbeitstag in Nailers Leben, bei dem ihm der Leser direkt über die Schulter oder sogar durch seine Atemmaske hindurch beobachten kann. Schon in dem ersten Kapitel wird die Härte der Welt in der Nailer lebt klar. Nur knapp springt er hier dem Tod von der Schippe – und trotz allem kann er noch froh um seinen Job sein. In seiner Welt zählt nicht nur der Verstand, nur die von den Parzen gesegneten – die Glückspilze – können hier überleben.

In so einer Welt bleibt nicht viel Platz für Loyalität und Freundschaft – und doch gibt es sie. Überall in dem Buch verstreut kann man Funken davon erkennen. Keine der Personen ist uneingeschränkt gut, auch Nailer nicht – aber in jedem steckt zumindest ein guter Kern (auch wenn er manchmal tief verborgen ist).

Ist es erst die düstere, erschreckend real wirkende Welt die den Leser fasziniert, sind es später die Menschen (und Halbmenschen), die die Geschichte am Leben erhalten. Zu wenig ist vorhersehbar, Gut und Böse liegen dicht bei einander – auch wenn es hier natürlich per Definition einen Schurken gibt ;-). Auf eine Romanze muss der geneigte Leser in „Schiffsdiebe“ allerdings verzichten – sie wird höchstens angedeutet. Paolo Bacigalupis Schwerpunkt liegt eindeutig auf Kameradschaft und Familienzugehörigkeit. Das tut der Geschichte allerdings keinen Abbruch – im Gegenteil.

Ein Buch, dass trotz aller Spannung jedem Leser, der bereit ist zuzuhören, eine Botschaft mitgibt (vielleicht sogar mehrere). Ziel sollte es sein, eine Zukunft wie die, die Paolo Bacgalupi beschreibt, zu verhindern. Aber selbst in solch einer Zukunft gibt es Hoffnung. – Und das macht Mut.

Damit ist „Schiffsdiebe“ nicht nur ein Buch für Liebhaber düsterer Dystopien, sondern auch für unverbesserliche Optimisten, denn auch hier finden sie einen Funken Licht. Und selbst wenn man nicht über die Geschichte nachdenken möchte wird man gut unterhalten: Durch die Suche nach Reichtum, klassischen Verfolgungsjagden auf Segelschiffen – das ruft die guten alten Piratenromane wieder in Erinnerung 😉 – und mutige Helden, wie es sie (hoffentlich) nicht nur in Romanen gibt.

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Published in: on März 5, 2012 at 12:01 am  Schreibe einen Kommentar  
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