[Blick über den Tellerrand] Gear & Piston

Nur im Bücherregal über den Tellerrand schauen, ist nicht wirklich weit geschaut. Deswegen wende ich mich diesmal einem ganz anderen Medium zu. Dem Brettspiel. Da damit der bibliophile Anteil fehlt, bleibe ich fantastischen Bereich, beim Steampunk, um genau zu sein.

gearpiston Jukka Höysniemi
Gear & Piston
LudiCreation
Brettspiel
2 – 6 Spieler
Spielzeit 40 – 60 Minuten
ca. 40€

„Gear & Piston“ kommt in einem stabilen Spielekarton daher. Die darauf dargestellte Landschaft könnte der Zeit der industriellen Revolution entspringen. Wirklich interessant ist allerdings das Vehikel, das dort über die Straßen poltert. Abfallende Schrauben lassen den Betrachter an einige Fahrzeugoptimierungen denken – die dieser im Spiel dann selbst durchführen kann. Ziel des Spieles ist es nämlich, ein Automobilprototypen zu entwickeln. Dabei gilt es, das Budget im Auge zu behalten, um die beste Kombination aus Neuteilen und verwertbaren Teilen vom Schrottplatz zu finden. Wer dann mit seinem Fahrzeug auch noch bei den Investoren punktet, hat so gut wie gewonnen.

Die Grundidee des Spieles ist ziemlich einfach und die Spielanleitung damit auch recht überschaubar: Ein Fahrzeug besteht aus Motor, Tank, Getriebe, Achsen, Lenkrad und beliebigen Zusatzteilen. Dass man den richtigen Kraftstoff mit dem richtigen Motor verwenden muss, ist dabei ebenso logisch wie die Tatsache, dass jedes Fahrzeug zwei Räder braucht. Wie im richtigen Leben muss man bei Auswahl der Teile und Zusammenbau die Opportunitätskosten beachten. Investiert man lieber in gute Teile oder erfahrene Mechaniker? Lohnt sich vielleicht ein Ausflug auf den Schwarzmarkt oder der Einsatz monetären Einflusses? Der Einsatz zwielichtiger Methoden ist allerdings weitaus riskanter als der herkömmliche Weg.

Jeder Spieler hat eine bestimmte Anzahl von Aktionsfiguren (kleine Zahnräder), mit denen zwischen den Aktionen „Teile erwerben“ und „Fahrzeugbau oder – umbau“ unterschieden wird. Glück und Taktik entscheiden über die Güte des Fahrzeugs, aber auch die Größe ist – wie so oft – entscheidend. Wenn das Automobil bei der großen Fahrt auseinanderfällt, ist dem Konstrukteur allerdings auch nicht geholfen. Durch geschickte Auswahl der Bauteile kann ein Fahrzeug schnell gebaut sein, aber die Ressourcen sind begrenzt. Und damit tobt schon von Beginn an der Kampf um die Bauteile, muss jeder Spieler um Räder, Achsen oder Getriebe bangen. Prinzipiell kann jeder Spieler ohne Interaktion an seinem eigenen Fahrzeug werkeln, aber neben dem Wegschnappen begehrter Teile ist auch der Diebstahl nicht unüblich. Damit kann aus der reinen Freude am Konstruieren auch schnell Sabotage werden.

gearpiston_vehicle

Die Konstruktion erfolgt über kleine Pappplättchen, auf denen die jeweiligen Bauteile abgebildet sind, und die, wie ein Legebild, zu einem Automobil zusammengesetzt werden können. Das Spiel endet, sobald ein Spieler sein Automobil vervollständigt hat oder keine neuen Bauteile mehr verfügbar sind. Fehlende Teile werden durch Abfall ersetzt, erhöhen allerdings auch die Instabilität des Fahrzeugs. Letztendlich spielen vor allem Zuverlässigkeit und Durchgängigkeit in der Bewertung eine Rolle, aber auch die Größe des Fahrzeugs und die Art der Bauteile sind nicht zu vernachlässigen – je nachdem, welche (zu jedem Spielbeginn zufällig gezogenen) Investoren über die Wertigkeit des Fahrzeugs entscheiden.

Mit dem einfachen Prinzip ist das Spiel innerhalb von dreißig bis sechzig Minuten schnell gespielt. Durch die Vielzahl an Möglichkeiten und den unterschiedlichen Vorgaben macht es aber auch nach der zweiten oder dritten Runde noch Spaß.

gearpiston_board

Die Gestaltung von Spielbrett und Fahrzeugteilen entführen die Spieler dabei auch ohne offensichtlichem Einsatz von Magie – einzig Elektrik, Kraftstoff oder Dampf sorgen hier für das Fortkommen der Fahrzeuge – in eine typische steampunkige Welt mit zwielichtigen Gestalten, Zahnrädern, Getriebe und Dampfmaschinen. Die Konstrukteure mit Fliegerbrille, Stahlkorsett und ölverschmierten Fingern muss man sich dabei eben selber denken. Und spätestens nach der Fertigstellung des ersten eigenen Vehikels ist man dem Spiel dann vollends verfallen. Vielleicht kann man sich in einer Fortsetzung an die Entwicklung aetherbetriebener Fluggeräte machen?

„Gear & Piston“ ist damit ein kurzes und kurzweiliges Spiel für zwei bis sechs Spieler, die sich (ausnahmsweise) mal vom Bücherregal lösen und den Abend in geselliger Runde zumindest ein kleines bisschen fantastisch verbringen wollen. Die eher rationalen Spieler ordnen „Gear & Piston“ dann einfach ins 19. Jahrhundert ein – und haben danach vermutlich genauso viel Spaß wie die anderen.

Einzig die Besorgung des Spieles ist nicht ganz so einfach (schließlich ist das Spiel kurz genug). Meinem Wissen nach kann man es nur direkt bei LudiCreation bestellen und da muss man leider eine etwas längere Wartezeit einplanen – die lohnt sich aber auch.

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